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DIE RUHE NACH DEM STURM

Lange war es still gewesen, um den 1898 gegründeten Verein mit seinen knapp über 110 000 Mitgliedern, der sich für die Interessen der Automobilisten und generell des motorisierten Individualverkehrs einsetzt. So war der ACS bis weit in den Frühsommer hinein lediglich wegen seines logischen Engagements für die «Initiative für eine faire Verkehrsfinanzierung» – die sogenannte «Milchkuh-Initiative» in den Schlagzeilen der Medien präsent.
Bekanntlich hatte sich dies im Juni frappant geändert. In der Öffentlichkeit wurde bekannt, dass beim Mobilitätsclub ein intensiver Kampf um die Führung entbrannt ist. Zuerst wurde publik, dass Zentralpräsident Mathias Ammann (Jg. 1964) sein Präsidium per Ende der dreijährigen Amtszeit zur Verfügung stellt, und dass man als Kandidat für dessen Nachfolge bei der für den 23. Juni in Yverdon-Les-Bains VD geplanten ACS-Delegiertenversammlung FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen (Jg. 1981) präsentieren werde.
Viel Geschirr zerschlagen
Was zuerst nach einer geordneten Stabübergabe an der Spitze des nationalen Verbandes mit seinen 19 Sektionen aussah, entpuppte sich rasch als erbittert geführter Machtkampf. Und es wurde bis heute entsprechend viel Geschirr zerschlagen. Ein erster Akt dieser unschönen Ereignisse stellte der Abgang von ACS-Generaldirektor Stefan Holenstein dar. Wie Zentralpräsident Ammann später darlegen sollte, soll Holenstein Teil einer Intrige gewesen sein, welche zum Ziel hatte, eine weitere Amtszeit von Ammann als Präsident zu verhindern.
Wie man von der Seite des ACS informierte, wurde Holenstein — er war seit dem 1. Februar 2014 in dieser Funktion beim ACS — am 13. Juni zuerst mit sofortiger Wirkung suspendiert, um danach am 16. Juni fristlos entlassen zu werden. Den Medien ihrerseits wurden aus unbekannter Quelle E-Mails zugespielt die belegen sollen, dass Stefan Holenstein über einen von verschiedenen ACS-Sektionen im Geheimen geplanten Coup zur Absetzung Ammanns zumindest Bescheid gewusst haben soll. Ferner soll es Querelen zwischen Direktor Holenstein und Präsident Ammann über die Aufgabenteilung gegeben haben.
Jeder gegen jeden
Die kursierenden Vorwürfe machten auch vor dem Zentralpräsidenten nicht Halt. So wurde Mathias Ammann von seinen Gegnern unter anderem zur Last gelegt, er habe zu hohe Spesenbezüge abgerechnet. In einem von der ACS-Spitze am 21. Juni 2016 an einer Pressekonferenz in Bern den Medien abgegebenem Papier mit dem Titel «Faktenblatt und Hintergründe» wird darüber informiert, dass Ammann anlässlich einer ACS-Präsidentenkonferenz vom 9. Mai namentlich vom Präsidenten der Sektion Graubünden mit diesen Beschuldigungen konfrontiert worden sei.
Am Medientermin vom 21. Juni stellte Ammann dann klar, dass seit seiner Wahl zum ACS-Präsidenten an der Delegiertenversammlung vom 21. Juni 2013 im Zusammenhang mit seiner Geschäftsbesorgung «dem Club in keiner Form ein finanzieller Schaden entstanden ist». Ferner ging er in seiner Replik auch auf das Verhältnis zwischen ihm und dem entlassenen Generaldirektor ein: «Ich möchte nicht verschweigen, dass es im Zuge dieser Aufgabenteilung und wegen der Geschäftsbesorgung durch Stefan Holenstein zwischen ihm und mir in den letzten zwei Jahren wiederholt zu Konflikten gekommen ist.»
Vorwurf der Intrige
An ebendieser Pressekonferenz im Berner Hotel National wurde deutlich, wie tief das Zerwürfnis überhaupt war. Den Medien wurden interne E-Mails vorgelegt, in denen Präsident Ammann von den Verfassern als «L14» tituliert wird. Dabei steht dieses Kürzel für nichts weniger als Louis XIV, der sogenannte «Sonnenkönig». Laut besagtem Papier «Faktenblatt und Hintergründe» hatten Ammanns Gegner unter der Führung der Präsidentin der ACS-Sektion Zürich, Ruth Enzler, unter dem Codewort «Projekt Louis XIV» schon seit 2015 dessen Absetzung vorbereitet. Dass angesichts dieser Umstände die auf den 23. Juni 2016 angesetzte nationale Delegiertenversammlung in Yverdon besondere Brisanz hatte, war klar.
Wohl nicht zuletzt deshalb, und weil die Zeichen für eine konstruktive Versammlung unter diesen Voraussetzungen alles andere als optimal waren, sollte diese DV verschoben werden. Die Vorstandsmitglieder, welche Präsident Mathias Ammann die Treue hielten, handelten entsprechend. So wurde kommuniziert, dass diese Delegiertenversammlung «statutenkonform in den Herbst verschoben worden ist». Man wolle vor deren Durchführung alle im Raum stehenden Vorwürfe von einer unabhängigen Geschäftsprüfungskommission kontrollieren lassen, so das offizielle Communiqué des ACS Schweiz. Um die operative Geschäftsführung zu gewährleisten, wurde zudem Michael Gehrken, der frühere Direktor des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbandes Astag, als Generaldirektor ad interim eingesetzt.

Christian Wasserfallen, FDP Bern. © www.parlament.ch
FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen wurde an der DV in Yverdon zum neuen ACS-Präsidenten gewählt. Doch ist er es wirklich? © zVg

Wasserfallen gewählt
Doch anstatt dass der Verein durch diese Massnahmen zur Ruhe kam, und Noch-Zentralpräsident Mathias Ammann bis zu einer allfälligen Nachfolgereglung «den Club in ruhige Fahrwasser» — Zitat aus der Medienmitteilung des ACS nach der Pressekonferenz vom 21. Juni in Bern — würde führen können, wurde die See erst recht rau. Denn offensichtlich waren 12 der 19 Sektionen mit dem Vorgehen der ACS-Spitze unzufrieden und bestanden auf der Durchführung der Delegiertenversammlung vom 23. Juni. Und, wie man in einer von der ACS-Sektion Zürich versandten Mitteilung lesen konnte, wurde mit Christian Wasserfallen in Yverdon-Les-Bains sogar ein neuer Präsident gewählt.
Gemäss der durch das Zürcher ACS-Sekretariat verbreiteten Information, nahmen an dieser Jahresversammlung insgesamt 75 Delegierte teil. Somit waren an der Veranstaltung rund zwei Drittel der Sektionen vertreten, dies ohne — nach offizieller Auslegung — Legitimation durch die ACS-Spitze. Dem Vernehmen nach wurde Christian Wasserfallen mit «überwältigender Mehrheit» zum neuen Präsidenten, und somit Nachfolger von Mathias Ammann, gewählt. Auf den Berner FDP-Nationalrat entfielen insgesamt 69 Stimmen der anwesenden Delegierten. Ferner gab es zwei Enthaltungen und vier Stimmen wurden als ungültig gewertet.
Nun zwei Präsidenten?
Nach dieser Wahl an der ACS-Spitze, bei dieser wie auch immer offiziellen Versammlung in Yverdon, scheint die Lage um den Automobil Club der Schweiz endgültig eskaliert zu sein. Schliesslich steht der Verein nun mit zwei Präsidenten da. Und wie sich die Lage präsentiert, sehen beide das Recht auf ihrer Seite. Dass diese Situation für den ACS alles andere als komfortabel ist, leuchtet ein. Zumal sich eigentlich die Organisation grundsätzlich im Aufwind befand. So hatte der Mitgliederbestand im Jahre 2015 um 2,4 % auf 109 575 Mitglieder gesteigert werden können. Und auch aus dem Bereich der Finanzen sind keine Hiobsbotschaften bekannt.
Immerhin ein Trost und Hoffnungsschimmer für die Zukunft dieser nationalen Mobilitäts-Organisation ist der Umstand, dass ein Dialog möglich zu sein scheint. So schrieben die dissidenten Delegierten in einem Kommuniqué zur DV in Yverdon, «dass jetzt der Moment ist, die Reihen zu schliessen». Zum Wohle des ACS sei es Zeit für das Gespräch und dazu seien alle eingeladen. Auch jene, die in Yverdon noch abseits gestanden seien. Wie eine kleine Umfrage der AR ergeben hat, ist diese Gesprächsbereitschaft durchaus vorhanden. Genauso wie auch ein Bedürfnis nach Ruhe und Distanz,  dies sowohl bei den Protagonisten, wie auch bei den Sektionen.
In Ruhe schlichten
So sagte Christian Wasserfallen gegenüber der Automobil Revue, er habe «ein grosses Interesse daran, die Situation pragmatisch zu lösen». Mathias Ammann seinerseits betonte, dass gegenüber den Medien «alles gesagt wurde, was es zu sagen gibt». Es sei nun an der Zeit, dass der ACS zur Ruhe komme und die verschiedenen Lager gemeinsam nach der besten Lösung für den Club suchen sollten. «Dies, ohne die Einzelinteressen von Einzelnen in den Vordergrund zu stellen», betonte Ammann gegenüber dieser Zeitung. Weiter führte er aus, dass er sich bei einer für den 16. September geplanten Delegiertenversammlung nicht zur Wiederwahl zur Verfügung stellen werde. «Es kann gut sein, dass es zu diesem Zeitpunkt zum Wohle des ACS einen Neuanfang auf allen Stufen braucht. Ohne die in dieser Sache involvierten Personen», so Ammann.
Er betonte, dass das aktuelle ACS-Direktionskomitee die in Yverdon getroffenen Beschlüsse «als nicht massgebend betrachtet». Wichtig sei jetzt, dass nun alle Beteiligten einen Schritt zurücktreten würden und Ruhe einkehre. Dass dem Wunsch Ammanns entsprochen wird, bleibt im Sinne des ACS zu hoffen. Jedenfalls ist seit Yverdon der Automobil Club der Schweiz wieder aus den Negativschlagzeilen verschwunden und das Rauschen im Blätterwald verstummt.

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