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DER BREXIT LÄSST HERSTELLER UND ZULIEFERER KALT

Die Neuigkeit vom Brexit war zunächst keine gute Nachricht für die Hersteller. «Man könnte sagen, dass die Abtrennung des Vereinigten Königsreichs aus der Europäischen Union das Pfund Sterling grossen Kursschwankungen aussetzt, was einen Einfluss auf die Margenrechnung der Marken hat», warnt Guillaume Crunelle vom Wirtschaftsberater Deloitte in einem Interview mit der französischen Tageszeitung «La Tribune». «Die Wirtschaft hasst die Ungewissheit. Das britische Nein zu Europa bringt der Automobilindustrie auf der Insel mit ihren 800 000 Arbeitern und Angestellten eine wechselhafte Periode. Dazu zählen viele ausländische Hersteller mit ihren englischen Werken, wie etwa Toyota, Honda, Nissan oder Infiniti. Grossbritanien lag übrigens 2015 mit einer Jahresproduktion von 1,6 Millionen Fahrzeugen noch vor Frankreich (1,55 Mio.)».

Die Sorgen von Carlos Ghosn

Der Konzernchef von Renault-Nissan gab vor kurzem seine Bedenken in der internationalen Presse mit klaren Worten bekannt: «Mir macht nicht so sehr der Brexit selbst Sorgen, sondern die Ungewissheiten, welche dieser Entscheid lostritt. Welche Stellung wird Grossbritanien künftig einnehmen? Werden wieder Einfuhrzölle erhoben, und wie sieht es mit der Freizügigkeit der Güter aus? Wir werden auf absehbare Zeit hin nur kurzfristige Entscheidungen treffen können. Nissan hat ein riesiges Werk im Vereinigten Königreich [Anmerkung der Redaktion: Sunderland], das 8000 Arbeiter beschäftigt. Es ist eine europäische Fabrik auf dem Boden Grossbritanniens. Wir müssen eine unberechenbare Zeit durchmachen, bis alle Auswirkungen klar werden.»

François Launaz, Präsident der Importeurevereinigung auto-schweiz,  stimmt in den gleichen Tenor ein wie Carlos Ghosn: «Die Anfälligkeit des britischen Pfunds wegen des Brexit bedroht die Wirtschftlichkeit der britischen Automobilindustrie, weil die Produktionskosten sprunghaft ansteigen könnten. Wenn der Austritt aus der EU vollzogen ist, dann könnten die höheren Kosten zu mehr Zollabgaben führen», argumentiert Launaz.

Und was sagen die betroffenen Hersteller in Grossbritanien? Bei Nissan, das seit 1986 auf der Insel ansässig ist, und das dort mehrere Modelle wie den Juke und Qashqai produziert, macht man nicht auf Panik: «Wir werden die Situation weiterhin im Auge behalten. Wie alle international tätigen Unternehmen, sind auch wir in der Lage, bestimmte Risiken auszuschliessen und uns an die wechselnden Marktbedingungen anzupassen», verlautet es von Nissan Schweiz.

Nissans Oberklassemarke Infiniti lässt seit Ende 2015 im englischen Sunderland den Q30 und QX30 vom Fliessband rollen. Der Konzern hat 250 Mio. Pfund in das Werk investiert. Der Brexit scheint die japanische Premiummarke nicht zu beunruhigen: «Es ist noch zu früh, Konsequenzen zu diesem Thema vorherzusagen. Die Handelsbedingungen zwischen Grossbritannien und der europäischen Union werden erst in einigen Jahren geklärt sein», meint Daniel Riesen, Sprecher für Infiniti Schweiz und Österreich.

Optimismus bei Jaguar und Land Rover

Gleich gut ist auch die Stimmung bei Jaguar und Land Rover: «Wir sind optimistisch in Bezug auf unsere Zulieferer in Grossbritannien, denn es sind hauptsächlich ihre Produkte, die den Erfolg unserer beiden Marken ausmachen. Jaguar und Land Rover haben höchst wettbewerbsfähige, moderne Modelle im Sortiment, die mit den neuesten Technologien ausgestattet sind. Diese Tugenden bleiben unangetastet, egal wie sich die politische Situation entwickelt», erklärt Karin Held.

Die Marketingverantwortliche meint weiter: «Es gibt heute viele andere Hersteller, die ausserhalb von Europa tätig sind und die ihre Produkte in der Schweiz anbieten. Und bis die Trennung zwischen Grossbritannien und der Europäischen Union vollzogen ist – ein Prozess, der mindestens zwei Jahre dauern wird – ändert sich nichts an den Wirtschafts-Rahmenbedingungen, denn Grossbritannien bleibt so lange ein vollwertiges Mitglied in der EU. Die Lage wird erst neu beurteilt werden können, wenn die Trennungsbedingungen definitiv abgeschlossen sind. Bis zu dem Zeitpunkt werden auch die Schweiz und das Vereinigte Königreich ihre politischen und wirtschaftlichen Beziehungen direkt auf eine neue Basis gestellt haben. Die Situation könnte durchaus auch für beide Parteien noch besser aussehen als in der Gegenwart. In der Zwischenzeit ändert sich nichts für den Verkauf der Modelle von Jaguar und Land Rover.» 

Auch die Schweizer Autoindustriezulieferer, die einen jährlichen Umsatz von 9 Mia. Franken erwirtschaften, geben sich gelassen: «Unsere Produktionsstätten liegen vor allem in Deutschland, den USA, China und Japan. Wir haben keine direkten wirtschaftlichen Bande mit Grossbritannien, so dass der Brexit derzeit keine direkten Auswirkungen auf unsere Geschäfte haben wird», erklärt Firmensprecherin Karin Labhart von Feintool in Lyss BE. Das Unternehmen spezialisiert sich vor allem auf Getriebekomponenten und Sicherheitssysteme.

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